Dass die Mehrheit von uns sich denkt: Trauma? Aha? Mich betrifft das nicht. – wundert mich eigentlich gar nicht. Weil wir nicht mal dafür den Kontext haben… und selbst das, was langsam in der Gesellschaft ankommt, wurde schon bereits – wie Vieles – fälschlich etikettiert. Aus dem Wort „Trauma“ wurde schon so dermaßen etwas Massenhaftes gemacht, fast schon im Jugend-Jargon einem Wort wie „Drama“ gleichgesetzt. Es ist dieselbe Umwertung der Werte, die wir vor Jahren bei Sätzen wie „Ich kriege die Krise“ oder dem Missbrauch von „Eskalation“ im Büroalltag erlebt haben: Wenn jede alltägliche Lappalie inflationär maximal aufgeblasen wird, verlieren die Begriffe ihre tiefere Bedeutung. Was bleibt dann noch für den echten Ernstfall übrig?
Doch hier geht’s nicht um Trauma in diesem lappalienhaften und auch nicht in dem ursprünglichen psychologischen Kontext als ein einschneidendes Ereignis im Leben eines Menschen, nachdem nichts ist wie zuvor (Überleben einer Katastrophe, einer Naturgewalt, einer Explosion o.ä.). Hier geht es um eine konkrete Form von Trauma: Um das Bindungs- und Entwicklungstrauma.
Es ist alles nicht neu. Neu sind vielleicht immer öfter Stimmen, die bestätigen, dass wir weltweit, fast flächendeckend davon betroffen sind. Aus meiner Sicht alle Menschen.
Bindungs- und Entwicklungstrauma entsteht in den ersten Jahren unseres Lebens. Kann aber auch schon bei der Geburt oder in der pränatalen Phase (also in der Schwangerschaft) entstehen. Fachlich, aber kurz erklärt: Es entsteht, wenn wir als Kind über längere Zeit keine ausreichende Sicherheit, Nähe oder emotionale Unterstützung erfahren.
Dabei kann die Zuwendung der Bezugspersonen zu wenig, oder aber auch zu viel gewesen sein. Bindungs- und Entwicklungstrauma entsteht nicht, wenn wir mal vernachlässigt oder emotional oder körperlich misshandelt wurden. Was dazu führt, ist der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Wenn Eltern mal schimpfen oder schreien, aber ansonsten liebevoll sind und dem Kind Sicherheit vermitteln, dann gewinnt die Sicherheit als Prägung. Aber wenn wir als Babys oder Kleinkinder selbst kleinste inadäquate Situationen, Vernachlässigung oder Misshandlung öfter erlebt haben, dann prägt sich das ein.
Warum es für mich so wichtig erscheint, den Kontext des Bindungstraumas zu verbreiten?
Weil wir leiden (emotional, psychisch, körperlich) und am falschen Ende die Lösung suchen. Wir identifizieren uns mit dem Leid, arrangieren uns damit, können uns oft gar keine Verbesserung oder Befreiung vorstellen und suchen daher erst gar keine Lösung.
Aus diesen ständigen Einprägungen in unserer Kindheit entwickelt unser Nervensystem Schutzmechanismen, die damals absolut überlebensnotwendig waren. Wir haben uns an die Widrigkeiten in unserer Familie, die für uns nicht gut waren, angepasst. Wir waren entweder sehr still, ruhig und angepasst oder haben uns versteckt, um den emotionalen Verletzungen, Grenzüberschreitungen oder der Überforderung im Außen zu entkommen. Oder aber wir waren laut und problematisch, weil wir gesehen werden wollten. Oder oft krank, weil wir auf diese verzerrte Weise auf Zuwendung gehofft haben. Statt freudvoll und unbefangen zu spielen, haben wir schon damals Dinge getan, um in dieser Familie zu überleben. Alles unbewusst!
Wir wussten nicht, dass wir bereits Schutzmechanismen entwickelt hatten, um die Kindheit zu überstehen. Wir kannten es nicht anders. Wir kamen auf die Welt und es war bereits so. Es war unser „Normal“. Wir waren überzeugt: So ist das Leben.
Doch das, was uns in der Kindheit das Leben gerettet hat – die eigene Anpassung –, bringt uns heute in leidvolle Zustände jeder Art. Denn die Anpassung war in unserer Kindheit als Notlösung gedacht, um zu überleben. Wir leben aber heute immer noch in dieser Notlösung, in diesem Überlebensmodus, obwohl die Realität heute eine völlig andere ist. Das kann sich heute auf tausend Arten zeigen – ständige Wut oder Traurigkeit, Mangel, Beziehungsstress, Betäubung durch Süchte, Taubheit oder Perfektionismus sind nur ein winziger Bruchteil davon.
Was uns damals geschützt hat, belastet heute unser Leben. Anders gesagt: Was damals lebensnotwendiger Schutz war, trennt uns heute vom Leben. Wir leiden, ohne zu wissen, warum.
Wir leiden, weil die Schutzstrategien, die Notlösungen und der Überlebensmodus nicht mehr gebraucht werden. Wir benutzen sie aber immer noch, ohne es zu merken. Wir haben nicht begriffen, dass diese Mechanismen HEUTE nicht mehr notwendig sind. Viele leben in dem alten Film und sehen eine verzerrte Realität. Das heißt, die Realität um uns herum ist eine andere, doch in unseren Köpfen ist sie das noch nicht. So können wir nicht sehen, wie das Leben HEUTE wirklich ist. Wir sehen das Leben durch einen Schleier, durch das Prisma der Vergangenheit, die in unseren Köpfen in Form von alten Gedanken und Überzeugungen künstlich aufrechterhalten wird – obwohl sie real nicht mehr existiert. Wir erleben die Welt oft immer noch so, wie wir sie als Kinder erlebt haben, obwohl die Menschen und Orte um uns herum längst andere sind. In uns läuft unbewusst immer noch der alte Film. Wir agieren aus Schutz und Anpassung, obwohl es nicht mehr notwendig ist. Oft schützen wir uns, wo im Außen keine Gefahr mehr droht. Dafür lassen wir uns dort missbrauchen, wo wir eigentlich für uns hätten einstehen müssen.
Der Kontext zu unserer Situation von früher und heute schafft Klarheit, aber vor allem Sicherheit.
Es liegt in unserer Eigenverantwortung, uns selbst heute eine adäquate Zuwendung zu geben. Es werden keine Mama und kein Papa mehr kommen und uns sagen, was zu tun ist. Sie werden uns auch nicht mehr so wahrnehmen, versorgen, liebhaben oder trösten, wie wir es als Kind gebraucht hätten. Was wir als Kind nicht bekommen haben, werden wir in dieser Form nie wieder bekommen. Es ist vorbei!
Das ist genauso schmerzhaft wie befreiend.
Kein Partner, kein Kind, kein Hund, keine Katze und kein Politiker wird diese Lücke füllen.
Und das ist heute auch nicht mehr notwendig, auch wenn es sich so anfühlt. Denn wir sind HEUTE erwachsen. Wir brauchen diesen Schutz und diese kindliche Zuwendung nicht mehr. Wir haben das Schlimmste überlebt, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Wir brauchen heute eine andere Form von Zuwendung.
Uns selbst eine adäquate Zuwendung zu geben, bedeutet HEUTE zuerst, sich Informationen zu beschaffen: Warum leide ich? Was ist die Ursache? Das bedeutet, sich den Kontext zu verschaffen. Warum reagiere ich so, wie ich reagiere? Warum passiert mir immer wieder das, was mir passiert? Warum treffe ich immer solche Menschen? Warum befinde ich mich immer in solchen Situationen?
Kontext schafft Sicherheit in unserem Nervensystem. Es kommen neue, wertvolle Informationen hinzu, die unsere alten Gedankenstrukturen unterbrechen. Und das wirkt stabilisierend.
Denn sich für die Realität von HEUTE zu öffnen, verlangt Interesse an sich selbst, aber auch genug Sicherheit im Nervensystem, um die eigenen mentalen Lügen „ertragen“ zu können. Wir haften heute nämlich immer noch an den kindlichen Geschichten von damals. Damals waren diese Geschichten echt, weil wir klein und hilflos waren. Sie haben uns das Leben gerettet. Aber heute sind wir erwachsen und leben unbewusst immer noch in dieser kindlichen Gedankenwelt.
Und dieser Prozess – Kontext schaffen und gleichzeitig die Scheinwahrheiten verstehen (die Anhaftung an die kindliche Gedankenwelt) – muss Hand in Hand gehen.
Wir brauchen Interesse an unserem Dasein: Warum empfinden wir das Leben auf die eine oder andere Weise als leidvoll, haben Probleme oder leben im Mangel? Gleichzeitig müssen wir immer mehr Sicherheit durch Kontext und Klarheit schaffen. Wenn die eigenen Lügen (Schutzbehauptungen) fallen, die wir uns in unserer Kindheit aufbauen mussten und die heute Schmerz und Leid verursachen, kann das zuerst destabilisierend wirken. Wir haben nämlich in diesen mentalen Konstrukten, die wir uns im Kopf aus der Not heraus erbaut haben, eine Scheinstabilität und Halt gefunden. Das hat uns Scheinsicherheit gegeben.
Wenn wir aber merken, dass diese vermeintliche Sicherheit – statt zu beruhigen und ein Wohlgefühl zu schenken – uns letztlich leiden lässt, dann müssen wir handeln. Handeln heißt in diesem Fall: Kontext suchen und sich informieren. Verstehen ist der erste Schritt.
Bücher, die mich geprägt haben:
Laurence Heller & Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen – Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM. Kösel Verlag.
Laurence Heller & Angelika Doerne: Befreiung von Scham und Schuld – Alte Überlebensstrategien auflösen und Lebenskraft gewinnen. Kösel Verlag.
Gopal Norbert Klein: Der Vagus-Schlüssel zur Traumaheilung – Wie „Ehrliches Mitteilen“ unser Nervensystem reguliert. GRÄFE UND UNZER Verlag.