Manche von uns verbringen viel Zeit in der Natur. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir uns vor das Haus setzen oder auf eine Parkbank beim Spaziergang. Gemeint sind auch größere Unternehmungen: Ausflüge, Expeditionen in die Wildnis, Weltreisen (allein), allein am Meer, in den Bergen usw.
Gegen all das ist nichts einzuwenden. Nur die Motivation dürfen wir hinterfragen.
Zieht es uns allein, weg von Menschen, so sehr in die Natur, weil wir die Natur lieben? Weil wir ihre Schönheit bewundern? Weil wir die Stille genießen?
Es ist wichtig zu untersuchen, was unsere Beweggründe sind. Was uns dazu sozusagen „bewegt“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Und wir können es nur dann untersuchen, wenn wir selbst dies langsam merkwürdig finden oder wenn wir bei unserem Umfeld auf Unverständnis stoßen. Vor allem dann, wenn wir selbst merken, dass daraus langsam ein Zwang oder Drang wird. Wir wollen uns frei und ganz fühlen. Und auf Reisen oder in der Natur fühlen wir uns tatsächlich frei und ganz. Doch kaum sind wir erneut unter Menschen, wollen wir schon wieder weg.
Es geht nicht darum, dass wir uns selbst dafür verurteilen, beschuldigen oder den Eindruck bekommen, dass mit uns wieder etwas falsch ist. Es geht darum, dass es wirklich aus uns entsteht und keine Überlebensstrategie ist.
Und die größte Voraussetzung ist, dass wir uns für uns, unser Erleben interessieren und uns selbst verstehen wollen.
Eigentlich ist die Motivation schnell entlarvt. Doch es ist auch an dem „entlarven“ nichts Falsches. Es ist nur der Status Quo. Es kann sich immer verändern – sofern wir verstehen und wir es möchten…
Wenn wir fragen: Warum machen wir das eigentlich? Allein? Weg von Menschen? In der Natur?
Falls die Antwort ist: Weil wir lieber allein sind, weil uns Menschen zu viel sind, weil wir mit Menschen nichts anfangen können, weil wir Menschen nicht ertragen können oder gar hassen, dann haben wir bereits eine Klarheit. Auch mit der Aussage: Weil wir uns in der Natur so wunderbar entspannen können. – ist das schon klar.
Um nochmal zu verdeutlichen: Es ist uns immer dienlich, wenn das, was wir tun, unserem Wesen entspricht. Es ist uns jedoch nicht dienlich, wenn wir nicht anders können als nur so. Wenn wir keine Wahlfreiheit haben. Wenn wir determiniert sind dies zu tun, um z.B. zu entspannen, uns zu erholen.
Aus dem Kontext von Bindung und zwischenmenschlichen Beziehungen, stellt sich die Frage: Warum können wir uns NUR in der Natur entsannen? Warum müssen wir immer weg? Warum so getrieben sein?
Doch wenn wir es nie anders erlebt haben als uns nur weg von Menschen, allein, vielleicht eben in der Natur, wohlzufühlen, werden wir nie draufkommen, was wirklich dahintersteckt.
Vielleicht haben wir nie erlebt, dass wir uns unter Menschen wohl, sicher, geborgen fühlen. Dass wir uns entspannen können. Dass wir so sein dürfen, wie wir gerade oder wie wir wirklich sind. Dass wir für unser Sein geliebt werden und nicht für unser Tun.
Vielleicht hat sich die Nähe zu Menschen nie gut und sicher angefühlt? Vielleicht durften wir nicht sagen, was wir denken, was wir fühlen. Vielleicht durften wir nicht wütend sein oder weinen oder beides. Vielleicht durften wir unsere Bedürfnisse nach Nähe oder nach Allein-Sein nicht äußern. Das erzeugt auf Dauer Druck.
Vielleicht haben wir nie erlebt, dass wir nichts leisten müssen. Vielleicht konnten wir uns nicht der Lust auf Spielen widmen, weil wir immer gestört wurden. Vielleicht mussten wir immer brav, ruhig, still, gehorsam sein. An uns wurden immer irgendwelche Erwartungen gestellt: Hauptsache anders sein, als wir es gerade wollten, Hauptsache dem Umfeld entsprechen.
Da unser Nervensystem sehr intelligent ist und unser Überleben unter widrigen Umständen sichert, hat es Strategien entwickelt, wie wir mit dem Stress, mit dem Druck, mit der fehlenden Sicherheit umgehen können. Wir wurden quasi umgeleitet. Wir haben zu Hause, in der Schule usw. nicht genug Sicherheit, Liebe, Geborgenheit, Ruhe erfahren. Wir standen permanent unter Druck und Stress. Also haben wir uns unbewusst Orte gesucht, um den Stress und Druck im Körper abzubauen.
Du weißt schon, worauf ich hindeuten will?
Ja exakt.
Die Natur stellte keine Anforderungen, keine Erwartungen an uns. Die Natur war unser Schutz und Trost. Wie eine gute, liebende Mutter! Die Mutter Natur! Haha….
Die Natur hat uns nicht verraten, nicht verlassen, nicht bewertet, nicht beschimpft, nicht beschämt. Sie hatte keine Ansprüche an uns.
Sie war einfach da. Und auch wir durften einfach da SEIN.
Und das ist schön und wertvoll.
Aber wir leiden emotional, weil wir unter Menschen nicht das finden, was in der Natur so offensichtlich und klar ist. Dann wird die Natur zu einer Vermeidung des wiederholten Erlebens schmerzhafter Bindungserfahrungen.
Wir glauben (unseren Gedanken), dass es dafür keine Lösung gibt. Wir müssen weg, weil die Entspannung in der Nähe der Menschen nicht möglich ist.
Tja. Ja. Die Entspannung war damals anscheinend nicht möglich. Das sind unsere Bindungserfahrungen. Aber wann haben wir die Erfahrungen gemacht? – Es liegen schon Jahrzehnte dazwischen.
Wir haben uns bereits der Resignation hingegeben, dass es auch NIE in diesem Leben möglich wird. Wir sagen: Es ist halt so! Das Leben ist halt so!
Aber nein!
Wenn wir Schmerzen im Körper haben, gehen wir normalerweise zum Arzt, bekommen Medikamente.
Und was machen wir, wenn wir emotional leiden, wenn wir ständig den Drang verspüren, uns von Menschen wegzubewegen, uns unter ihnen nicht wohlfühlen, sie nicht mögen, gar verachten? Was machen wir bei dem diffusen Leiden, das keinen ersichtlichen Grund hat?
Wir können uns mit der Vermeidung des Kontaktes/ der Menschen weiterhin arrangieren. Es wird jedoch mit der Zeit nicht besser werden…
Oder wir schauen langsam und vorsichtig wie das Emoji 🫣 raus und hinterfragen, was in uns angeblich ist, was HEUTE immer noch nicht angenommen werden kann? Was ist in uns, das glaubt, Menschen würden uns WIEDER angreifen, verlassen, wegschieben oder unsere Bedürfnisse ignorieren, dass wir ständig in die Natur flüchten müssen?
Die alte Bindungserfahrung war damals real. Aber heute ist sie nicht mehr existent. Denn wir sind mittlerweile erwachsen (geworden), leben aber anscheinend noch in der kindlichen Überzeugung, dass wir so wie wir sind nicht akzeptiert werden.
Doch als Kind haben wir eine Bezugsperson gehabt! Plus einige weitere Personen in unserer Umgebung. Es mag sein, dass sie nicht bindungsfähig waren und unsere Bedürfnisse nicht sehen oder wahrnehmen konnten.
Heute teilen wir uns die Erde mit Milliarden anderen. Es ist Festhalten an der Illusion oder eine Ausrede, auf der Überzeugung weiterhin zu beharren, dass alle so sind wie wir es in der Kindheit erlebt haben.
Wir dürfen die Natur weiterhin lieben. Ihre Schönheit und heilsame Wirkung immer bewundern und genießen. Aber um uns frei und ganz (nicht geteilt) zu fühlen, brauchen wir auch die Erfahrung, uns bei Menschen angekommen, geborgen und gleichzeitig frei zu fühlen. Wir dürfen die Spaltung überwinden: Dort in der Natur bin ich frei. / Bei Menschen darf ich nicht ich sein.
Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, brauchen wir den Kontext dazu: Warum wir so geworden sind, wie wir geworden sind.
Wir können mit unserem Geist und den uns heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten sehr komplexe Dinge erfassen. Da wird es uns wohl auch möglich sein, nach dem Kontext zu suchen … bis wir ihn gefunden haben… !
Bücher, die mich geprägt haben:
Laurence Heller & Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen – Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM. Kösel Verlag.
Laurence Heller & Angelika Doerne: Befreiung von Scham und Schuld – Alte Überlebensstrategien auflösen und Lebenskraft gewinnen. Kösel Verlag.
Gopal Norbert Klein: Der Vagus-Schlüssel zur Traumaheilung – Wie „Ehrliches Mitteilen“ unser Nervensystem reguliert. GRÄFE UND UNZER Verlag.