Wir alle sehnen uns nach zwischenmenschlichem Kontakt. Ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Doch viele von uns wissen überhaupt nicht, was echter zwischenmenschlicher Kontakt oder ein wahrer Austausch überhaupt bedeutet. Er ist auf jeden Fall nicht das, was in der Kindheit erlebt wurde, und auch nicht das, was wir oft immer noch denken. Im Grunde wurde gar kein oder kaum echter Kontakt erlebt.
Ich habe immer gedacht, dass das, was wir „machen“, Kontakt ist.
Hast du auch so gedacht?
Bis vor nicht allzu langer Zeit war meine Definition von Kontakt folgende: Kontakt ist, mit anderen Menschen zu reden. Sich mit ihnen zu unterhalten, zu erzählen, zuzuhören, zu berichten, zu lachen.
Dieser Kontakt hat sich für mich jedoch nie gut angefühlt. Er hat sich hinterher sogar immer unbefriedigend angefühlt.
Und heute weiß ich auch warum….
Weil Kontakt – ich sage bewusst nicht der „wahre“ Kontakt, sondern einfach der „stinknormale“ Kontakt – etwas völlig anderes ist.
Doch zuerst ein paar Beispiele aus dem Alltag:
Was passiert bei Meetings, in Arbeitsgruppen oder auch beim Treffen von Freunden, sogar im Gespräch zwischen zwei Partnern?
Oft hören wir dem anderen nicht wirklich zu.
Beobachte das mal. 🙂
Viele kämpfen, um gesehen zu werden. Jemand erzählt, nimmt den Raum ein. Der andere hört oft nicht wirklich zu. Er wartet nur auf eine Mini-Mini-Pause im Reden, damit er das Wort ergreifen kann. Damit er selbst reden kann, gesehen wird, zum Zuge kommt. Weil, wenn er wüsste, sicher wäre, dass er noch zu Wort kommt, könnte er sich entspannen und abwarten. Tut er aber nicht.
Der erste redet oft fast ohne Pause. Es ist gar nicht sicher, ob er dem zweiten einen Krümel Zeit überlässt. Und der zweite weiß das auch.
(Diese Erklärung ist nicht auf Personen bezogen, die sich mental eh schon verabschiedet haben. Sie reißen sich nicht drum zu reden, weil sie entweder resigniert sind, da sie ohnehin nicht glauben, sich durchsetzen zu können oder Angst haben ihre Meinung zu sagen – und nach außen sagen sie dann oft: „Das ist mir jetzt zu blöd.“ – oder die schon innerlich so abgestumpft sind, dass sie eh nicht mehr denken können – sagen dann: „Das ist mir eh egal“ oder „Ich habe keine Meinung.“)
Also wir haben einen verbalen Kampf bzw. Krieg zweier oder der ganzen Gruppe um die gegenseitige Aufmerksamkeit.
Na was hat das bitteschön mit Kontakt zu tun?!
Manche geben Laute von sich, während der andere noch redet: „Mhm“. Sie setzen sie in die Mini-Mini-Pausen oder zwischen die Worte. Um dem Sprechenden unbewusst mehr Druck zu machen. Damit er das Feld verlässt oder damit sie sich dazwischendrängen können. Es ist wirklich grauenhaft!!!
Manchmal hören wir als Gesprächspartner nicht zu, weil wir vielleicht nur damit beschäftigt sind, was wir tun sollen, um im Kontakt nicht verloren zu gehen. Manchmal verhalten wir uns sogar etwas aggressiv, geben Zeichen, bewegen schlagartig unseren Körper, weil wir so unter Stress und Druck stehen, dass wir nicht gesehen oder wahrgenommen werden. Oder damit wir den anderen verunsichern und er aufhört zu reden. Alles passiert unbewusst.
Wir haben Angst, wir kommen nicht dran. Wir werden übersehen, ignoriert. Es triggert uns. Aber uns ist nicht bewusst, dass es uns triggert. Uns ist nicht bewusst, dass es sich gar nicht gut anfühlt.
Unsere angestaute Wut darüber, dass wir jahrzehntelang ignoriert wurden, wird aktiviert. Es ist kein Dialog mehr. Es war auch nie ein Kontakt. Es ist Kampf, um gesehen zu werden. So etwas machen keine Erwachsenen. Es machen nur verletzte, ignorierte Kinder. Aber wir merken nicht mal, dass wir, Erwachsenen, uns wie Kinder verhalten, weil wir traumabedingt in der Entwicklungsstufe der Kindheit steckengeblieben sind.
Aber seien wir doch mal ehrlich: Es ist so frustrierend und raubt uns so viel Kraft! Es kostet so viel Energie!
Und dann gibt’s noch die Alltagsgespräche. Oberflächliche Konversationen. Das ist für uns auch der zwischenmenschliche Kontakt: Wir unterhalten uns über das Wetter, Urlaube, Nagellack, Politik, schnelle Autos oder Gott und die Welt. Wir tauschen uns über komplizierte oder banale Dinge aus.
Aber dieser Kontakt… der keiner ist… er ist so… ah, ich weiß auch nicht… er hat keine Tiefe… Er macht doch keinen Spaß! Er ist nicht erfüllend. – Warum sagen wir dazu auch gerne solche Sätze wie: „Was willst du machen? Es ist halt so! Man macht das halt so!“? Ich konnte mich nie damit abfinden: „Es ist halt so!“? – Wer sagt, dass es so ist?!
Doch was ist nun mit dem zwischenmenschlichen Kontakt?
Warum ist er so schwierig?
Weil uns im Kontakt zu einem anderen Menschen die Sicherheit fehlt. Wir fühlen uns nicht sicher im Kontakt.
Und das ist uns nicht bewusst.
Aber unser Nervensystem überwacht das und schlägt Alarm.
Das Problem ist, dass wir uns mit anderen Menschen nicht sicher fühlen, das aber nicht mal bemerken, weil wir es nicht anders kennen. Wir haben keine Referenz dazu, wie sich ein angenehmer, regulierender Kontakt anfühlen kann.
Also sucht sich unser Unterbewusstsein einen anderen Weg: Verbaler Angriff im Kontakt (direkt oder passiv-aggressiv), sich dumm stellen, abgestumpft sein oder ganz aus der Situation flüchten.
Es ist auch so: Wenn wir uns nicht sicher fühlen, werden wir uns nicht die Wahrheit sagen – nicht das, was wir wirklich denken und fühlen. Stattdessen verlassen wir schnell die Tiefe des Gesprächs oder gehen erst gar nicht hinein. Wir springen zu oberflächlichen Themen, erzählen über Dritte (weg von uns) oder über Dinge, die für unser Leben belanglos sind. So sind wir raus aus dem Fokus, aber scheinbar trotzdem im Kontakt.
Was ist nun der zwischenmenschliche Kontakt?
Er bedeutet, wirklich zuzuhören, was der andere JETZT sagt. Und es bedeutet, wirklich über uns im JETZT zu sprechen. Das müssen aber beide wollen und leben.
Und Kontakt ist, wenn beide wirklich aussprechen, was in ihnen passiert: was in ihnen gedacht wird, was fühlbar ist, was spürbar ist. Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmungen.
Was wir in Wirklichkeit tun, ist kein Kontakt!
Wir erzählen uns Geschichten von gestern und von morgen. Nur nicht das, was gerade JETZT in uns und zwischen uns erlebt wird. Alles andere schon. Aber nie das, was JETZT ist.
Viele von uns kennen das gar nicht. Wir haben es oft nie oder nur selten erlebt. Wir verstecken und verheimlichen die Wahrheit über uns.
Was meine ich mit Wahrheit?
Ich meine, dass wir uns nicht sagen, was wir wirklich JETZT denken und fühlen. Weil Kontakt und Begegnung eigentlich JETZT stattfinden. Nicht gestern und auch nicht morgen.
JETZT.
JETZT.
Und wieder JETZT.
Nicht gestern und nicht morgen. JETZT.
Aber da kommen wieder Themen wie Kontext, Trauma, Kindheit ins Spiel.
Wenn wir als Kinder wiederholt erlebt haben, dass wir nicht weinen oder schreien durften, unsere Bedürfnisse nicht äußern durften, weil wir dann entweder bestraft, ignoriert oder verlassen wurden, dann werden wir es heute nicht schon wieder riskieren. Das schaltet unser Nervensystem rechtzeitig ab: Vorsicht Verletzungsgefahr! Abschalten! Sofort! Nichts sagen, vorsichtshalber kämpfen oder fliehen – vor dem Kontakt.
Worum geht’s also eigentlich?
Es geht darum, dass wir uns im Kontakt, Gespräch, in einer Begegnung immer wieder sagen, wie wir uns gerade fühlen und was wir gerade wirklich denken. Das stellt Sicherheit im Kontakt her.
Wenn wir uns das gegenseitig sagen, wissen wir, dass von dem Gegenüber keine Gefahr droht. Unsere Nervensysteme regulieren sich gegenseitig und entspannen, weil wir dann merken: Aa! Der andere kennt auch Wut! Aa, der andere kennt auch Traurigkeit. Hier droht mir keine Gefahr. Ich darf das auch sagen! Er kann das auch hören. Na endlich! Hier bin ich sicher. Ich kann mich bei ihm entspannen. Wow!
Aber jemand muss damit irgendwann anfangen…
Wenn wir uns das aber nicht sagen, wissen wir nicht, was der andere denkt und fühlt. Wir bleiben in der Welt unserer Vorstellungen, was passieren KÖNNTE, wenn wir uns jetzt öffnen WÜRDEN… Wir bleiben immer in der Schwebe und der echte Kontakt wird nie möglich sein.
Vielleicht konnten unsere Bezugspersonen das damals nicht hören und wir haben gelernt, dass das nicht willkommen ist. Aber ich betone das auch hier: Wir leben heute in einer gigantischen Weltgemeinschaft, über 8 Milliarden Menschen! Du glaubst doch nicht, dass die ganze Welt so ist wie deine ersten Bezugspersonen. Das ist nicht wahr.
Wir müssen uns auch nicht gleich überfordern und sofort alles sagen, wenn wir dazu noch nicht bereit sind. Und vor allem zuerst dort, wo keine Hierarchien herrschen – Partnerschaften und Freundschaften.
Wir sagen nur so viel Wahrheit über uns, wie wir gerade bereit sind von uns preiszugeben. In kleinen Schritten. Immer mehr und mehr.
Das verlangt nämlich ganz viel Mut!
Es ist so einfach und doch so schwer!
Schließlich haben viele von uns das noch nie jemandem anvertraut.
Es gibt jedoch HEUTE Menschen, die das hören können. Die daran nicht zerbrechen, uns deswegen nicht verlassen oder auslachen. Das sind nämlich unsere Ängste: dass genau das passiert…
Wer von uns hat das schon getestet und wer glaubt noch per se seinen Gedanken von damals, dass es eh nie möglich sein wird?
Früher vielleicht nicht. Heute schon….
Bücher, die mich geprägt haben:
Laurence Heller & Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen – Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM. Kösel Verlag.
Laurence Heller & Angelika Doerne: Befreiung von Scham und Schuld – Alte Überlebensstrategien auflösen und Lebenskraft gewinnen. Kösel Verlag.
Gopal Norbert Klein: Der Vagus-Schlüssel zur Traumaheilung – Wie „Ehrliches Mitteilen“ unser Nervensystem reguliert. GRÄFE UND UNZER Verlag.