Seit unserer Kindheit hören wir von den Eltern, Verwandten oder Lehrern, dass wir anders sein sollten, als wir gerade sind. Wir sind entweder zu laut, zu frech, zu dumm oder zu langsam, zu tollpatschig, zu ruhig – zu was auch immer. Immer war etwas falsch an uns.
IMMER!
Immer waren wir nicht gut so, wie wir gerade waren. Obwohl wir uns meistens so bemüht haben, unserem Umfeld zu entsprechen.
Als Kinder hatten wir im Grunde gar keine andere Wahl, als uns anzupassen. Wir haben einfach das getan, was von uns erwartet wurde, um irgendwie durchzukommen. Dass wir uns dabei selbst völlig zurückgestellt haben, war uns damals natürlich überhaupt nicht bewusst.
Aus meiner Sicht leben wir in einer bindungs- und entwicklungstraumatisierten Gesellschaft. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei – anders als beim Schocktrauma – nicht um ein punktuelles Ereignis handelt, sondern bildhaft gesprochen um den steten Tropfen, der den Stein höhlt.
Meine Sichtweise dazu werde ich an anderer Stelle ausführlicher schildern.
Aber zurück zum Thema.
Wenn unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern selbst traumatisiert waren, hatten sie oft keine Kapazität für unsere Lebendigkeit, weil ihr eigenes Nervensystem bereits im Überlebensmodus und in der Verdrängung war.
Damit wir ihre eigenen traumatischen Erfahrungen nicht aktivieren, wurde uns – auf sanfte oder auch weniger sanfte Weise – vermittelt, dass wir anders sein sollten. Wir haben uns also untergeordnet, um die Kindheit zu überstehen.
Bitte lass uns nicht vergessen: Wir waren Kinder! Kleiner als unsere Eltern. Sehr klein. Sehr jung. Wir waren gerade erst auf die Welt gekommen. Vielleicht ein, drei oder fünf Jahre alt. Welchen Status hatten wir? Oft diesen: „Du bist ein Kind. Du hast hier nichts zu melden. Ich weiß, wie der Hase läuft. Du bist von mir abhängig.“
Also.
Alle anderen waren wesentlich größer und älter als wir. Wir befanden uns in einer absolut untergeordneten Position. Wir hatten keine Chance, uns dagegenzustellen.
Wer hat uns also eigentlich gesagt, dass wir anders werden müssen? Dass wir uns verändern müssen? – Damals war es unser Umfeld. Als Kind war Anpassung notwendig, um durchzukommen. Denn wir wollten uns retten. Jeder, der dieses Essay gerade liest, wollte überleben. Sonst wäre er heute nicht hier.
Doch weil wir den Kontext nicht kannten – und oft bis heute nicht kennen, dass auch unsere Eltern bereits ein angepasstes Leben geführt haben, weil sie traumatisiert waren, ohne es zu wissen –, haben wir diese Anpassung mit ins Erwachsenenleben genommen. Wir tragen bis heute eine unbewusste Grundannahme in uns: Das Leben ist so, wie wir es als Kind erlebt haben.
Doch stimmt das?
Ist das wirklich die Wahrheit?
Wie ist das Leben eigentlich?
Wenn wir annehmen, dass wir in einer bindungs- und entwicklungstraumatisierten Gesellschaft aufgewachsen sind, dann ist das Leben an sich nicht unbedingt so, wie wir es in unserer Kindheit erlebt haben. Vielleicht haben wir nur eine verzerrte Vorstellung davon, wie Leben ist.
Wenn bereits die Generationen vor uns ihr Leben auf Strategien aufgebaut haben, wie man überlebt (und nicht wie man lebt), wie hätte unsere Kindheit auf anderen Prinzipien beruhen können?
UNMÖGLICH!
Wenn wir das alles nicht wissen und nicht hinterfragen, tun wir verrückte, komplizierte, ungesunde Dinge. Wir passen uns weiterhin an. Wir optimieren uns. Wir wollen uns verändern. Wir wollen anders werden.
Weil uns vermittelt wurde, dass man das eben so macht, so lebt. So ist das Leben.
Und wir übernehmen es als die absolute Wahrheit. Wir hinterfragen es nicht.
Nicht, dass die Generationen vor uns schuld wären.
Nein.
Sie wussten es nicht besser. Sie waren sich dessen nicht bewusst.
Aber wir sind nicht sie. Wir leben im Zeitalter der Informationsüberflutung. Wir informieren uns über jede Kleinigkeit. Warum also nicht darüber, was in unserem Inneren vorgeht?
Denn solange wir unbewusst bleiben, wollen wir uns verändern. Wir meinen auch zu wissen warum. Der offensichtliche Grund, den wir vor uns selbst und vor anderen nennen, entspricht den Erwartungen der Gesellschaft. Wir wollen uns dem sozialen Gefüge anpassen: Besser, schöner, reicher, entspannter, mutiger, lustiger werden.
Doch dieser Grund hat einen noch tieferen Grund. Einen, der weit unter dem Radar der bewussten Wahrnehmung liegt. Er liegt im Unterbewusstsein. Wäre er bewusst, würden wir ihn bereits kennen.
Mit zunehmendem Interesse an unserem eigenen Menschsein – manchmal auch mit Unterstützung von außen – kann dieser Grund nach und nach ins Bewusstsein treten.
Vorausgesetzt, wir beginnen, uns wirklich für uns selbst zu interessieren: Warum tue ich das? Das ist doch gar nicht gut für mich. Das tut mir doch nicht gut.
Doch oft tragen wir noch Sätze unserer Eltern oder Großeltern in uns. Sprüche, die wir immer wieder wiederholen. Überzeugungen, an die wir glauben, obwohl sie gar nicht unsere sind. Nie unsere waren. Lebensweisheiten, die wir übernommen haben, ohne je zu überprüfen, ob sie überhaupt mit uns in Resonanz gehen. Und trotzdem versuchen wir, ihnen gerecht zu werden.
Sätze wie: „Meine Mutter/ mein Vater/ meine Oma hat immer gesagt…..“, „Man sagt… das Leben ist so und so.“, „Man macht es so und so.“
Und um diesen Sätzen und unserer Prägung gerecht zu werden, bauen wir unser Leben um sie herum.
Ja.
Wir manipulieren unsere Gedanken, um uns dem anzupassen.
„Ich muss anders denken!“, „Ab heute denke ich positiv!“, „Ich muss meine Gedanken loslassen.“, „Ich darf so nicht mehr denken.“
Wir manipulieren unsere Gefühle:
„Ich darf nicht mehr wütend sein.“, „Ich darf nicht mehr ausrasten.“, „Ich muss mit dem Schreien aufhören.“, „Ich muss mich im Griff haben.“
Oder der andere Pol:
„Ich darf doch nicht öffentlich weinen.“, „Ich muss mich zusammenreißen.“, „Ich muss freundlich sein.“, „Ich darf andere mit meiner Traurigkeit nicht belasten.“, „Andere haben es noch schwerer.“, „Ich muss entschlossener werden.“
Wir manipulieren unseren Körper:
„Ich muss meinen Körper verbessern.“, „Ich muss mehr Sport machen.“, „Ich muss Yoga machen.“, „Ich muss mich gesund ernähren.“, „Ich muss abnehmen.“, „Ich muss zunehmen.“, „Ich muss meinen Körperteil XY vergrößern.“, „Ich muss ein größeres Auto haben.“
Und so weiter…
Egal worum es geht – ich glaube, die Botschaft ist klar: Wir meinen ständig, etwas an uns verändern zu müssen. Weil wir glauben, so wie wir jetzt sind, nicht in Ordnung sind. Das haben uns doch schon unsere Eltern, Großeltern oder Lehrer vermittelt. Und in dieser kollektiven Trance, in der wir leben, ist das gesellschaftlich erwünscht, dass wir uns anpassen.
Doch inzwischen ist viel passiert. Wir sind keine Kinder mehr. Inzwischen sind wir die Erwachsenen. Und das schon länger! Wir haben das nur nicht realisiert, weil unser Nervensystem wegen Trauma noch in der Hypnose aus der Kindheit eingefroren ist. Wir sind aus der Trance nicht aufgewacht. Wie denn auch?
Wir wollen immer noch unseren Eltern und unserem Umfeld entsprechen. Wir passen uns immer noch an, wollen uns verändern…
Doch wem wollen wir heute entsprechen, wenn wir die Erwachsenen sind? Immer noch unseren Eltern? Das ist doch irgendwie absurd, oder?
Manchmal wollen wir nicht wahrhaben, dass wir all die Jahre versucht haben anderen zu entsprechen und uns verraten, verbogen haben, da wir merken, wie bitter und schmerzhaft es wird, wenn wir das Fass öffnen. Doch das Gefühl wird vorübergehend sein – wenn wir den Kontext bekommen, dass es nicht anders ging, werden wir für unsere Situation Verständnis entwickeln.
Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können heute und jetzt prüfen:
Hat uns das wirklich glücklich gemacht?
Temporär vielleicht schon. Wir hatten den Eindruck: „Oh ja. Das ist es!“
Aber hinterher? Später?
Hat uns das wirklich glücklich gemacht?
Und selbst wenn ja – war der Preis, den wir dafür bezahlt haben, gerechtfertigt?
Nicht nur Geld. Sondern auch Zeit, Gesundheit, Aufopferung, die eigene Würde, der Respekt vor uns selbst.
Das ist für mich die entscheidende Frage.
Und hat uns das erfüllt?
Wenn ja – gut. (wobei ich auch das hinterfragen würde 😉)
Wenn nicht, dann sollten wir anfangen, uns wirklich für uns selbst zu interessieren.
Uns den Kontext holen: Warum sind wir, wie wir sind? Warum tun wir, was wir tun?
Tut uns das gut? Erfüllt uns das mit Freude? Mit Lebendigkeit? Mit Leichtigkeit? Mit natürlicher Kraft?
Lass uns aufhören, ständig an uns herumzudoktern, einem vermeintlichen Glück hinterherzujagen, das erst dann eintreten soll, wenn wir anders geworden sind.
Lass uns stattdessen erfahren: Warum tun wir uns das an?
WIR UNS SELBST.
Niemand anders.
Nur wir uns selbst.
Oder von mir aus, lass uns weiter unsere Taktiken, Strategien, Veränderungsversuche praktizieren, aber gleichzeitig trotzdem den Kontext erfahren.
Das Gute am Hinterfragen ist, dass wir nichts künstlich in uns verändern müssen. Wir können aufhören, uns selbst zu manipulieren.
Wir müssen nur anfangen, uns wirklich für uns selbst zu interessieren.
Meistens tun wir das erst, wenn das Leid zu groß geworden ist, um uns weiter vor der Wahrheit zu verschließen.
Tja. Dann ist das eben so. Besser spät als nie. Ups.- Schon wieder so ein gängiger Glaubenssatz aus unserer Gesellschaft.
Siehst du? So schnell kann es gehen. 😉
Das Gute daran, den Kontext zu bekommen, ist, dass wir dann endlich erfahren und verstehen, warum wir gegen das Leben, gegen andere Menschen, gegen uns selbst kämpfen. Warum wir vor dem Leben, vor den Menschen, vor uns selbst flüchten. Warum wir uns betäuben und das Leben an uns vorbeizieht.
Und nicht nur das!
Wenn wir den Kontext haben, wenn wir verstehen, warum wir tun, was wir tun, warum wir so geworden sind, wie wir geworden sind, beginnt sich unser Leben allmählich zu verändern. Wir beginnen, das zu wählen, was wirklich zu uns passt. Und das loszulassen, was unserem Wesen nicht entspricht. Freiwillig. Ohne künstliche Anstrengung.
Dinge, die uns nicht guttun, verlieren nach und nach ihre Bedeutung. Manchmal langsam. Manchmal radikal.
Und wenn etwas von dem, was wir heute schon tun, wirklich unserer Natur entspricht, dann werden wir es behalten. Aber nicht mehr mit dem Grundsatz: Um zu… sondern, weil es sich einfach gut anfühlt und uns wahrlich lebendig und leicht macht.
Wenn wir Veränderung wollen, brauchen wir Kontext und Klarheit. Ohne Kontext und Klarheit können wir keine neue Richtung einschlagen. Wir müssen wissen, wofür wir gehen. Und warum.
Nur durch Klarheit können wir eine Richtung erkennen.
Oder wir brauchen so viel Leid, dass wir gar nicht mehr anders können. Dann passiert es im Turbo-Modus.
Durch die alten Gedanken kommen wir nie auf neue Lösungen. Der Kontext unterbricht unsere gewohnten Gedankenbahnen. Er eröffnet neue Blickwinkel. Neue Zusammenhänge. Gedanken, die uns vorher vielleicht nie in den Sinn gekommen wären.
Denn wenn wir etwas nie erfahren haben, können wir uns auch nicht vorstellen, dass es bereits existiert. Und genau deshalb ist Kontext so wichtig. Er zeigt uns Möglichkeiten, die vorher außerhalb unseres Blickfeldes lagen.
Und erst da kann Veränderung stattfinden. Aber nicht um jemandem zu entsprechen, sondern weil wir es bewusst wollen.
Bücher, die mich geprägt haben:
Laurence Heller & Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen – Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM. Kösel Verlag.
Laurence Heller & Angelika Doerne: Befreiung von Scham und Schuld – Alte Überlebensstrategien auflösen und Lebenskraft gewinnen. Kösel Verlag.
Gopal Norbert Klein: Der Vagus-Schlüssel zur Traumaheilung – Wie „Ehrliches Mitteilen“ unser Nervensystem reguliert. GRÄFE UND UNZER Verlag.